Ein Kapitel Reischacher Geschichte

Die "Niederbronner Schwestern" wirkten hier von 1929-2006 – Pfarrgemeinderat veranstaltet Zeitzeugentreffen zum Thema

Stolz präsentierten die Niederbronner Schwestern Anfang der 60-er Jahre ihr erstes Einsatzfahrzeug für die Ambulante Krankenpflege, einen gebrauchten VW-Käfer. −Foto: Archiv Stolz präsentierten die Niederbronner Schwestern Anfang der 60-er Jahre ihr erstes Einsatzfahrzeug für die Ambulante Krankenpflege, einen gebrauchten VW-Käfer. −Foto: Archiv

 

Reischach. Wann immer im Ort die Rede auf die Niederbronner Schwestern kommt, klingt großer Respekt und Dankbarkeit aus den Worten. Deren jahrzehntelanges Leben und Wirken ist in der Dorfgemeinschaft wie auch auf dem kirchlichen Sektor unvergessen.

Um an den Frauenorden der "Schwesternkongregation vom Göttlichen Erlöser", so der Ordensname, zu erinnern und Erfahrungen aus deren 77-jährigen Tun im Dorf auszutauschen, lädt der Pfarrgemeinderat Reischach am Sonntag, 27. Januar, um 10 Uhr im Rahmen eines Frühschoppens in das Gasthaus Berger zum Zeitzeugentreffen ein.

Der Anstoß kam vom Ortspfarrer Josef PledlDass die Ordensfrauen überhaupt in Reischach Fuß gefasst hatten, war dem früheren Ortsgeistlichen Josef Pledl zu verdanken. Dem Pfarrer, der von 1927 bis 1939 in Reischach wirkte, war die Sorge für kranke und pflegebedürftige Menschen in seiner Pfarrei ein großes Anliegen. Mit Hartnäckigkeit gelang es ihm schließlich 1929, die in Neuötting stationierten Ordensschwestern auch für die Krankenbetreuung in Reischach zu gewinnen.

Der Grundstock für eine zwar noch recht bescheidene, aber doch sehr wirksame ambulante Krankenpflege war dann zehn Jahre später, 1939, gelegt worden: Pledl holte kurz vor seinem Wechsel in die Pfarrei Neuötting mit Benignata Heuler und Cölestine Schlittmaier zwei Ordens-Krankenschwestern aus der Innstadt nach Reischach und gründete am Ort eine Schwesternschaft. Kurzzeitig im "Kochseder-Haus" in der Arbinger Straße 1 untergebracht, hatten die Ordensfrauen dann das Haus Petzlberger Straße 2 bezogen.

Wenige Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die mittlerweile durch Norberta Frey auf drei Personen angewachsene Schwesternschaft von den Amerikanern aus der Wohnung vertrieben und kam für etwa zwei Monate bei einer Reischacher Familie unter, ehe sie wieder in die bisherige Schwesternwohnung zurückkehren konnte.

Einen gravierenden Wendepunkt erfuhr das Leben der Niederbronner Schwestern dann im Jahr 1949: Die Katholische Pfarrkirchenstiftung Reischach kaufte auf Initiative von Pfarrer BGR Josef Straubinger den sogenannten Sedlmaier-Hof. Das Anwesen wurde unter kirchlichem Dach zu einem Kindergarten mit Schwesternwohnungen umgestaltet, in dem Zug wurde im Gebäude auch die Ambulante Krankenpflege untergebracht. Bis zu sechs Ordensschwestern bewohnten ab 1950 das neue Gebäude. Einige Jahre später wurde auch das erste Auto, ein gebrauchter VW-Käfer, im Schwesternhaus beschafft – als eine wesentliche Erleichterung für deren Pflegearbeit.

Man könne aus heutiger Sicht den immensen Aufwand gar nicht mehr ermessen, den die Schwestern in der Pflege der Kranken und Alten im Ort geleistet hätten, würdigt Ortsgeistlicher Ludwig Samereier die Arbeit der Ordensschwestern. Der Geistliche erinnert etwa an Schwester Guntlindis Anfang: Diese habe mit ihrer Arbeit und dem sympathischen Wesen die Herzen der Reischacher erobert.

Mit Guntlindis’ Abberufung durch den Orden Mitte der 1990-Jahre endete dann das rein pflegerische Engagement der Niederbronner Schwestern in Reischach und es begann die Ära von Marianne Unterstraße, die die Ambulante Kranken- und Altenpflegestation unter dem Dach der Kirche weiterführte. Dabei habe sie auch viel von Schwester Guntlindis profitiert, mit der sie in der gemeinsamen Zeit neben vieler Arbeit auch sehr viel Spaß gehabt habe, erzählt Unterstraßer.

2006 kam dann das endgültige Aus für die noch verbliebenen Ordensschwestern in Reischach: Pfarrer Ludwig Samereier war es, der die beiden Schwestern Berlindis Koppenberg und Klara Franziska Schiebel aus dem Ort verabschiedete (der Anzeiger berichtete). Gerade Schwester Berlindis, die in der Pfarrei Schülergottesdienste geleitet und Mesner- und Lektorendienste verrichtete, habe auf pastoralem Sektor eine Lücke hinterlassen, sagt Samereier. Überhaupt hätten beide Frauen in den Jahren ihres vielfältigen Wirkens und mit ihrer Art in der Holzlandgemeinde eine wertschätzende Erinnerung hinterlassen, sagt auch Theresia Demmelhuber.

Die Religionslehrerin ist es auch, die das vormittägliche Zeitzeugentreffen am Sonntag, 27. Januar im Gasthaus Berger moderieren wird. Sie erhofft sich bei der Zusammenkunft Aufschluss zu offenen Fragen aus der Anfangszeit der Ordensschwestern im Dorf. Etwa: Mit welchen Fortbewegungsmitteln waren die Schwestern jahrelang von Neuötting nach Reischach gekommen? Oder: In welcher Intensität oder Häufigkeit fand in dieser Zeit die häusliche Krankenpflege durch die Niederbronner Schwestern statt?

Viele Fragen offen – wer kann sich erinnern?Es sind vor allem die Fragen und Fakten, die von den älteren Reischacher Semestern aus dem eigenen Umgang mit den Schwestern oder aus Erzählungen beantwortet werden könnten, ist Demmelhuber voller Zuversicht. So soll auch daran erinnert werden, dass sich vier Frauen aus dem Gemeindebereich der Schwesternkongregation angeschlossen hatten.

 

(ANA vom 19.01.2018)