Als das Jesukind ein "Waidler" war

von Manfred Buchberger


Eine einzigartige Krippendarstellung in der gesamten Diözese: "Die Flucht nach Ägypten" in Passau über den Inn. −Fotos: Buchberger

Eine einzigartige Krippendarstellung in der gesamten Diözese: "Die Flucht nach Ägypten" in Passau über den Inn. −Fotos: Buchberger

Ganz behutsam, fast andächtig, nimmt Egid Maier eine kleine Figur aus der Pappschachtel und geht sanft mit einem weichen Staubtuch darüber. Es ist Maria, die Gottesmutter, als eine einfache Bauernmagd dargestellt. Die Figur ist nicht die einzige, die in der hölzernen Miniatur-Bauernstube vor ihm ihren Platz finden soll: Links, die Stubentür herein kommend, wird es der Engel Gabriel sein, der der jungen Frau soeben die Empfängnis des Menschensohnes durch den Heiligen Geist und in der Folge Jesu Geburt verkünden wird. Die Szenerie "Maria Verkündigung" ist indes nur eine von insgesamt sechs Darstellungen, die alljährlich in der Advents- und Weihnachtszeit in der Pfarrkirche von Reischach (Lkr. Altötting) zu bewundern sind.

Schon seit einem Vierteljahrhundert hat es sich der Malermeister im Ruhestand zur Aufgabe gemacht, im Zwei-Wochen-Rhythmus die jeweiligen Krippendarstellungen bis zu Mariä Lichtmess am 2. Februar, neben dem Marienaltar der integrierten Lourdes-Kapelle aufzubauen. "Es ist schon eine aufwendige Arbeit", sagt der 68-Jährige, "Das alles dauert halt seine Zeit." Aber es mache auch Spaß, fügt er hinzu.

Für die Verkündigungsszene in der Wohnstube sind es neben der Jungfrau und dem Engel ein geöffneter Bauernschrank mit Wäsche, eine Eckbank mit Tisch und Vorbänken, dazu ein Kachelofen, ein Stuhl und etliche andere kleine Dinge, die aufgestellt werden müssen. Aber auch ein Sesselofen, verschiedenes Geschirr, eine Kommode und eine Regulator-Uhr fehlen in der detailgetreuen weihnachtlichen Kleinbühne nicht, die einer Bauernstube im Bayerischen Wald des frühen 19. Jahrhunderts nachempfunden ist.

Beim Aufbau der ersten Krippenszene: Egid Maier (links) und Bruno Scholz führen Manfred Gesierichs Arbeit weiter.

Beim Aufbau der ersten Krippenszene: Egid Maier (links) und Bruno Scholz führen Manfred Gesierichs Arbeit weiter.

Einen "Schatz von ungeheurem Wert" nennt Pfarrer Ludwig Samereier die Krippendarstellungen, die der frühere Reischacher Ortsgeistliche Josef Straubinger († 1960) der Pfarrei nach seinem Tod hinterlassen hatte. Auf die Szene "Die Flucht nach Ägypten" sind die Krippenfreunde dabei besonders stolz, sie wurde erst in der jüngeren Zeit realisiert. "Die Darstellung ist auch die einzige, die es in der Diözese Passau gibt", weiß Maier. Eine Besonderheit ist der Schauplatz: Die Heilige Familie hat sich zum Beginn ihrer Flucht die malerische Kulisse Passaus ausgesucht. Gemeinsam mit dem Esel setzt sie auf einem kleinen Kahn in der Dreiflüsse-Stadt über den Inn.

 

(ANA vom 30.11.2018)